Zwei ganz kleine Steaks

Eine junge Frau in einem knallroten Kleid steht am Rande der Spielfläche. Sie nestelt an einer rotblonden Perücke. Ihre Füße stecken in viel zu hohen Schuhen, sie kippelt auf den Absätzen herum. Dies könnte eine Metapher für die ganze Figur sein, für das gesamte Stück. Die belgische Theater-gruppe Tg Stan, seit Jahren gerngesehener Gast im Frankfurter Mousonturm, zeigt dort das Stück ,,Lucia Melts", das der belgische Autor Oscar van den Boogaard den STAN-Akteuren Sara de Roo und Steven van Watermeulen geschrieben hat.

Eine junge Frau, ziemlich hysterisch, bereitet sich in ihrem Appartement auf das Treffen mit ihrem Ex-Geliebten vor, der sie vor einem Jahr verlassen hat. "Ex-Geliebter"? Ein Erzähler, den van Watermeulen zu Beginn gibt, erklärt uns, daß die junge Frau nicht in solchen Kategorien denkt: Entweder jemand ist ein Geliebter oder eben nicht. "Ex" kommt in ihrem Kopf nicht vor. Ein idealer Ausgangspunkt für die Schlacht, die daraufhin folgt. De Roo gibt die hysterische Ziege, die in Einsamkeit Verzweifelte, die kaltherzige Rächerin, die ihre bösartigen Nadelstiche direkt in das Selbstbewußtsein des von ihr immer noch Geliebten setzt.

Van den Boogaard hat in seinem Text vieles von dem eingefangen, was das Leben nicht mehr ganz junger, nach außen hin unabhängiger Menschen bestimmt: exaltierte Jagden nach Designerkleidung, die Angst, allein auf eine Party gehen zu müssen, ohne jemanden dort zu kennen. Die Frage, ob Menschen, die das erste teure Möbelstück erworben haben, beginnen, einsam zu werden. Und die Traurigkeit dessen, der berichtet, beim Metzger lieber zwei ganz kleine Steaks statt eines großen zu kaufen - damit niemand bemerkt, daß er allein ist.

Solche feinen Beobachtungen sind eingebaut in dieses Spiel der beiden Verflossenen, die sich anschreien, übereinander herfallen. Sie wimmert, er blickt betreten zu Boden. Es entfaltet sich eine deprimierende und gleichzeitig ziemlich komische Welt. Sie ist immer Spiel. Denn die beiden, so will es der Autor, sind ein Schauspieler-Paar. Und darum ist das, was uns da auf dem schwarzweißen Teppich geboten wird, ein Spiel mit doppeltem Boden, ein Spiel auf hohen Absätzen: Zwei Schauspieler spielen zwei Schauspieler, die ein Paar geben, das sich nach langer Zeit erstmals wieder gegenübersteht und seine Beziehung rekapituliert. Eine hübsche Idee. Sie wird durch pantomimische Einlagen und das betonte Spielen der beiden immer wieder ins Bewußtsein gehoben. Manchmal vergißt man das aber in diesen heftigen Schlagabtauschen. Das macht gar nichts: Auf alle Fälle bleibt eine unterhaltsame Show: eine mit den Tricks der Avantgarde aufgepeppte Form ziemlich guten Boulevardtheaters.

Frankfurter Allgemeine, Eva-Maria Magel, 29. März 2003

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