Die Rolle der wahren Empfindung

Geballte Fäuste, verhaltene AgressionenSzenen einer vergangenen Beziehung: Die alten Streitigkeiten und Missverständniss tauchen auch nach Jahren wieder auf.  Davon erzählt "Lucia Melts", das erste Stück des flämischen Romanautoren Oskar van den Boogaard. Sara de Roo und Steven van Watermeulen spielen das Paar.

Es passiert in Lucia Melts , was in Tausenden und Abertausenden Liebesgeschichten schon passiert ist: Ein Paar hat sich getrennt, trifft sich nach ein paar Monaten wieder, gerät in Streit, die alten, Missverständnisse und Bitterkeiten werden hervorgekramt, und statt sie zu klären, wiederholt sich, was Grund für die Trennung war, man redet aneinander vorbei, verhakt sich in Erwartungen, Illusionen und Hoffnungen, die der andere nicht einlösen kann.

Nichts Besonderes also geschieht, ja mit Absicht fast eine Geschichte, die allen Geschichten von gescheiterten Liebesbeziehungen zum Verwechseln ähnlich sieht. Merkwürdigerweise aber löst das kein Dauergähnen aus, im Gegenteil, es ist ein spannender Abend. Denn es kommt nicht so sehr auf den Text an, sondern darauf, was die beiden Akteure Sara de Roo und Steven van Watermeulen daraus machen.

Der flämische Romanautor Oskar van den Boogaard hat sein erstes Stück diesen beiden Schauspielern aus dem Theaterkollektiv tg STAN auf den Leib geschrieben, er hat es für die spezifische Spielweise konzipiert, für die Stan nicht nur, aber doch vor allem steht: für ironische Brechungen, für Rollendistanz und eine Art spielerischer Metakommunikation über Strukturen und Mechanismen. Nur dass bei den Darstellern dieses Verfahren nicht zum bloßen Ausstellen von Haltungen verkümmert; das Neue bei Sara de Roo und Steven van Watermeulen besteht darin, wie sie Illusion und Antiillusion verknüpfen und wie sie beides in der Schwebe halten.

Im ersten Augenblick des Spiels fangt das schon an. Sie ärgert sich, weil er zu früh kommt, weil er mit dem Schlüssel, den er noch hat, einfach hereinspaziert ist. Sie ist nämlich nicht fertig, in keiner Hinsicht, weder ist sie richtig angezogen noch weiß sie, welche Rolle, sie ihm gegenüber spielen will. Die Unnahbare? Die Verwirrte? Die Traurige?

Sara de Roo spielt ihre vorher erprobten Posen in fuchtelnder Aufgeregtheit hintereinander weg und spricht dann, unzufrieden mit ihrem Auftritt, in der dritten Person über sich. Dabei steht sie am äußersten Ende des weißen Teppichs, der, eingerahmt von den Zuschauerreihen, die Spielfläche ist. Aber diese Entfernung reicht ihr nicht, sie verschwindet momentweise ganz aus dem Blickfeld. Und er? Er spielt ebenfalls eine Rolle, die des abgeklärten Ex-Liebhabers. Aber stimmt das? Und warum später dann diese Vorwürfe? Und welche, von den Rollen, die sie noch einnehmen wird, entspricht einer wahren. Empfindung?

Die Beiden sind auch in dein Stück Schauspieler, sie spielen sich selbst, und beide wissen, dass sie spielen und gelegentlich einander etwas vorspielen. Aber nicht darum geht es, nicht um falsch oder richtig, sondern dass dank dieses Spiels im Spiel das Gefühl selbst zum Thema wird. Was Liebe genannt wird, ist in der Aufführung ständig in Bewegung, sie hat viele Gesichter, und manchmal sieht sie wie Hass aus, wie Triumph und wie Macht. Lucia glaubt an die Liebe wie an ein Wunder, aber das Stück Lucia Melts handelt davon, dass dieses Wunder sich nur selten in den Alltag hinüber retten lässt.

Frankfurter Rundschau, Jutta Baier, 29. März 2003

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